Eigenkapital ist nicht immer dein Freund – warum „alles reinbuttern“ ein Denkfehler sein kann

4. Februar 2026 | Immobilien-Ratgeber

Ich weiß, das hier klingt erstmal falsch. Fast schon ketzerisch. Jahrelang wurde uns eingebläut: „Je mehr Eigenkapital, desto besser.“
Und ja – Eigenkapital ist wichtig. Aber ich habe in den letzten Jahren immer wieder gesehen, dass genau dieser Glaubenssatz Menschen finanziell unflexibel gemacht hat. Teilweise sogar angreifbar.
Zeit, das Thema einmal gegen den Strich zu bürsten.


Der Klassiker: Alles rein, Konto leer

Viele Käufer gehen so vor:
Sie nehmen ihr gesamtes Erspartes, lösen Fonds auf, plündern Rücklagen, vielleicht noch ein privates Darlehen von den Eltern – Hauptsache, der Eigenkapitalanteil ist maximal.
Auf dem Papier sieht das gut aus.
In der Realität sieht es oft so aus:
Nach dem Kauf bleibt fast nichts mehr übrig.

Und genau das ist gefährlich.


Eigenkapital senkt Zinsen – aber es löst keine Probleme

Ja, Eigenkapital verbessert deinen Beleihungsauslauf.
Ja, es kann den Zinssatz drücken.
Ja, Banken mögen das.

Aber:
Eigenkapital schützt dich nicht, wenn
– die Heizung ausfällt
– das Auto kaputtgeht
– ein Einkommen wegbricht
– unerwartete Kosten auftauchen

Liquidität tut das.

Ich sage es bewusst klar:
Ein leeres Konto nach dem Kauf ist kein Zeichen von finanzieller Stärke.


Der unterschätzte Wert von Liquidität

Bargeld ist unsexy.
Es bringt keine Rendite, keine Zinsersparnis, keinen Applaus vom Bankberater.

Aber es bringt dir etwas viel Wichtigeres: Handlungsfreiheit.

Ich habe lieber
– 10.000 bis 20.000 Euro mehr Kredit
– dafür aber ein finanzielles Polster
als die perfekte Finanzierung auf dem Papier und null Spielraum im echten Leben.

Denn Stress entsteht nicht durch Schulden –
Stress entsteht durch keine Optionen.


Wann viel Eigenkapital wirklich Sinn macht

Natürlich gibt es Situationen, in denen ein hoher Eigenkapitaleinsatz absolut sinnvoll ist:

– Wenn du dadurch eine Finanzierung überhaupt erst möglich machst
– Wenn du die Rate spürbar senkst und langfristig besser schläfst
– Wenn du danach immer noch Rücklagen hast

Der Knackpunkt ist nicht die Höhe des Eigenkapitals.
Der Knackpunkt ist das, was danach übrig bleibt.


Ein Denkmodell, das ich selbst nutze

Ich stelle mir beim Kauf immer drei Fragen:

  1. Wie hoch ist mein Eigenkapital insgesamt?
  2. Wie viel davon setze ich ein, ohne mein Sicherheitsgefühl zu verlieren?
  3. Wie viel Liquidität brauche ich, um auch ein schlechtes Jahr auszuhalten?

Erst danach wird gerechnet – nicht vorher.

Nicht das Maximum ist das Ziel.
Sondern das stabile Gleichgewicht.


Der psychologische Aspekt (den kaum jemand anspricht)

Menschen, die ihr komplettes Eigenkapital einsetzen, geraten schneller unter Druck.
Jede Reparatur fühlt sich bedrohlich an.
Jede Rechnung nervt mehr, als sie müsste.

Wer dagegen Reserven hat, bleibt ruhig.
Und Ruhe ist bei einer 25- oder 30-jährigen Finanzierung kein Luxus – sondern ein Erfolgsfaktor.


Eigenkapital ist ein Werkzeug.
Kein Statussymbol.
Kein Wettbewerb.
Kein Selbstzweck.
Die beste Finanzierung ist nicht die mit dem höchsten Eigenkapitaleinsatz, sondern die,
bei der du auch nach dem Notartermin noch das Gefühl hast:
Ich habe mein Leben im Griff.