Muskelhypothek statt Bankkredit: Wie viel Eigenleistung beim Hausbau realistisch ist (und wann die Ehe kracht)
Ich war letztes Wochenende bei einem Freund auf der Richtfest-Party. Tolles Haus, das Bier war kalt, die Stimmung gut.
Bis ich den Bauherren gefragt habe: „Und, wie läuft der Innenausbau?“
Sein Gesicht wurde schlagartig grau. „Frag nicht, Alex. Ich dachte, wir tapezieren das bisschen am Wochenende selbst. Jetzt stehen wir seit drei Wochen jeden Abend bis Mitternacht auf der Baustelle, meine Frau redet kaum noch mit mir und mein Rücken bringt mich um.“
Klassiker. Leider.
Viele von euch schauen auf die Baukosten, schlucken kurz und sagen dann: „Kein Problem, das machen wir selbst! Das spart sicher 50.000 Euro.“
Das nennt man Muskelhypothek. Und ja, das kann funktionieren. Aber es ist auch der häufigste Grund, warum Bauherren am Ende völlig ausgebrannt sind. Heute rechnen wir mal ehrlich durch, was das Selbermachen wirklich bringt – und wo ihr lieber die Profis ranlasst.
Was die Bank unter „Muskelhypothek“ versteht
Zuerst die gute Nachricht: Banken lieben es grundsätzlich, wenn ihr anpackt. Sie erkennen eure Arbeitskraft als Eigenkapital-Ersatz an. Das heißt: Wenn ihr kein Bargeld habt, aber handwerklich begabt seid, rechnet die Bank den Wert eurer Arbeit so, als hättet ihr Geld mitgebracht. Das verbessert den Beleihungsauslauf und damit oft den Zinssatz.
Aber Achtung, jetzt kommt der Dämpfer:
Die Banken sind nicht blöd. Ihr könnt nicht sagen: „Wenn der Malermeister kommt, kostet das 10.000 Euro, also ist meine Arbeit auch 10.000 Euro wert.“
Nein. Die Bank rechnet meistens nur den Lohnanteil, den ihr spart. Und zwar nicht mit Meister-Preisen, sondern oft pauschal mit 15 Euro pro Stunde. Die meisten Banken akzeptieren maximal 10 % bis 15 % der Darlehenssumme als Eigenleistung. Oft ist bei 30.000 Euro Schluss. Alles, was ihr darüber hinaus angebt, müsst ihr durch eine Bestätigung vom Architekten oder Bausachverständigen beweisen.
Die Milchmädchen-Rechnung beim Material
Ein riesiger Denkfehler, den ich immer wieder sehe:
„Ich mache das Bad selbst, das spart 15.000 Euro!“
Moment mal.
Das Material (Fliesen, Wanne, Kleber, Rohre) müsst ihr trotzdem kaufen. Und während der Handwerker im Großhandel oft 20 % Rabatt bekommt, zahlt ihr im Baumarkt den vollen Preis.
Sparen tut ihr also „nur“ den Arbeitslohn. Das ist viel Geld, klar. Aber es ist nicht der Gesamtbetrag des Gewirks.
Alex‘ Tipp: Unterschätzt niemals den Zeitfaktor. Ein Profi verlegt 20 Quadratmeter Fliesen an einem Tag. Du brauchst dafür drei Tage – und am Ende ist vielleicht eine Kante schief.
Was man gut selbst machen kann (und was nicht)
Ich bin ja Fan von „Schuster, bleib bei deinen Leisten“.
Hier ist meine persönliche Einschätzung, basierend auf den Tränen und Triumphen meiner Kunden:
Die „Geht schon“-Liste (Hohe Ersparnis, machbares Risiko):
- Malerarbeiten: Wände streichen kann fast jeder. Dauert länger als gedacht, spart aber viel Geld.
- Bodenbeläge: Laminat oder Klick-Vinyl verlegen ist heute wie Lego für Erwachsene. Gut machbar.
- Garten: Hecke pflanzen, Rasen säen, Terrasse pflastern (wenn man sich einliest). Das kann man auch noch machen, wenn man schon im Haus wohnt.
- Trockenbau: Rigipsplatten schrauben und spachteln. Ist eine Sauerei, aber lernbar.
Die „Finger weg“-Liste (Lebensgefahr oder Pfusch-Risiko):
- Elektro: Ein absolutes No-Go. Nicht nur wegen der Lebensgefahr. Wenn die Bude abfackelt und die Versicherung sieht, dass das der „Hobby-Elektriker Alex“ verkabelt hat, zahlen die keinen Cent.
- Gas & Wasser: Ein undichtes Rohr in der Wand merkt ihr erst, wenn der Schimmel blüht. Lasst das die Profis machen.
- Estrich: Das muss absolut gerade sein. Wer hier pfuscht, ärgert sich die nächsten 30 Jahre über schiefe Möbel.
Die Gefahr, die keiner sieht: Die Helfer
„Ach, mein Schwager und zwei Kumpels helfen mir, die kosten nix außer Bier und Pizza.“
Super Plan. Bis der Schwager von der Leiter fällt und sich das Bein bricht.
Dann seid ihr als Bauherren nämlich haftbar.
Ihr müsst eure Helfer bei der Bau-Berufsgenossenschaft (BG Bau) anmelden. Ja, auch wenn die das umsonst machen! Das kostet ein bisschen was (Beiträge zur Unfallversicherung), rettet euch aber den Hintern, wenn wirklich was passiert.
Vergesst das nicht. Das Formular auszufüllen dauert 10 Minuten, ein Rechtsstreit dauert Jahre.
Realitätscheck: Hast du wirklich Zeit?
Rechnet mal nach.
Ihr arbeitet Vollzeit. Sagen wir 40 Stunden.
Dann fahrt ihr zur Baustelle.
Jeden Tag 3 Stunden nach Feierabend? Das sind 15 Stunden die Woche.
Samstags 8 Stunden?
Das sind 23 Stunden „Nebenjob“ pro Woche. Körperlich harte Arbeit.
Das haltet ihr vielleicht einen Monat durch. Aber ein Hausbau dauert 9 bis 12 Monate.
Die meisten Leute überschätzen ihre Kräfte maßlos. Die Folge: Burnout, Fehler am Bau aus Übermüdung und – das ist kein Witz – Scheidungen.
Ein Haus nützt dir nichts, wenn du am Ende alleine drin sitzt, weil deine Partnerin oder dein Partner den ständigen Stress und deine Abwesenheit nicht mehr ertragen hat.
Nutzt die Muskelhypothek für einfache Dinge. Malerarbeiten, Böden, Außenanlagen.
Gebt bei der Bank lieber etwas weniger Eigenleistung an als zu viel.
Nichts ist schlimmer, als wenn die Bank 20.000 Euro zurückhält, weil ihr mit den Arbeiten nicht fertig werdet, ihr aber kein Geld mehr habt, um Handwerker zu bezahlen, die euch retten.
Baut ein Haus zum Leben, nicht um euch kaputt zu arbeiten.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Alex